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© Daniel Kempken
Letzte Änderung: September 2009
Schlaglicht Washington

Washington ist keine riesige Metropole, mit weniger als 600.000 Einwohnern eher das Bonn Amerikas. Es gibt mitten im Zentrum weitläufige Grünanlagen und eine Vielzahl von Monumenten, die uns die Geschichte der Vereinigten Staaten erzählen – von der Kolonialzeit bis zum Vietnamkrieg. Damit die Vereinigung der Staaten auch einen fairen Anstrich bekam, hat man die neue Hauptstadt seinerzeit genau auf der Grenze zwischen den damaligen Nordstaaten und den Südstaaten errichtet.

Washington: Chinatown
Etwa Dreiviertel der Einwohner Washingtons sind schwarz; doch wenn man durch das Zentrum der Stadt flaniert, sieht man fast nur Weiße – außer natürlich in Chinatown, wo tatsächlich viele Asiaten/innen herumlaufen. Sehr groß ist die Chinesenstadt allerdings nicht; dafür hat sie ein kitschig imposantes Tor über der G Street. Die vielleicht überfällige schwarz-weiß-latino-multi-kulti-Mischung findet man ansatzweise in Georgetown und in der Gegend um die U Street, dort wo es die vielen Jazzlokale gibt.

In Washington sind die Bürgersteige an alle Kreuzungen behindertengerecht abgeflacht. Noch mehr umsorgt als Rollstuhlfahrer werden jedoch die Autos und ihre Insassen. Schmale Gassen und verwinkelte Sträßchen sind eine absolute Seltenheit. Selbst schöne Parkanlagen werden von breiten, mit weißen Linien angepinselten Asphaltbändern durchschnitten. Auf diesen Bahnen schleichen Amerikas liebste Kinder dahin; schwerfällige Riesenbabys aus Blech, unter denen Mercedeslimousinen wie Kleinwagen wirken. Die dicken Motoren der übergewichtigen Vehikel schnurren dabei so leise, als ob ihnen jemand Watte in den Auspuff gesteckt hätte. Auch sonst ist die fette Bewegungsgruppe ausgesprochen rücksichtsvoll; sie verehrt Zebrastreifen wie heilige Kühe. Man bleibt schon stehen, wenn Fußgänger/in einen Überweg auch nur in Augenschein nimmt.

Washington: Capitol
Von West nach Ost zieht sich die Mall durch die Stadt, eine Grünanlage, an der Sie die meisten Monumente und imposantesten Gebäude der Stadt finden. Es gibt nicht gerade kleine Denkmäler für die verschiedenen Präsidenten der USA; es gibt aber auch eins zur Erinnerung an den Vietnamkrieg. Rechts und links der Mall stehen großartige Bauwerke, die diverse Museen, Stiftungen und Ausstellungen beherbergen. Doch nichts von alledem kann mit dem riesigen Kongressgebäude mithalten. Das Kapitol steht mit seiner eleganten, weißen Kuppel wie gemalt auf einem kleinen Hügel und schaut majestätisch auf die Stadt (und die ganze Nation) hinunter. Gegenüber so viel monumentaler Pracht und Schönheit wirkt das schicke Weiße Haus eher klein. Die Kongressbibliothek hinter dem Kapitol – nebenbei die größte Bibliothek der Welt – ist ein Eldorado für Marmorfans. Treppen, Säulen, Pilaster, ganze Hallen aus weißem, goldenem und rotem Marmor sind so beeindruckend, dass man gar keine Lust mehr zum Lesen hat.

Der schwer reiche Engländer James Smithson (1765 – 1829) hatte wohl keine Erben, denen er sein riesiges Vermögen anvertrauen wollte. So vermachte er es den Vereinigten Staaten von Amerika zur Errichtung eines Forschungsinstitutes, das dem amerikanischen Volk dienen sollte. Gesagt getan – mit dem Geld wurden über die Jahre die vielen tollen Museen eingerichtet, die heute links und rechts der Mall stehen und allesamt keine Eintrittsgelder nehmen. Paradoxer Weise ist Smithson nie in seinem Leben in Amerika gewesen. Machen Sie es anders als der Menschenfreund und Reisemuffel Smithson – und wenn Sie es der fantastischen Museen wegen tun.

Das Luft- und Raumfahrtmuseum (National Air and Space Museum, 6 Independence Avenue) ist schon eine Nummer für sich. Dort stehen und hängen uralte und hypermoderne Flugzeuge zwischen Raketen, Raumschiffen und Spaceshuttles. Hier finden Sie sogar die sowjetische Sojus-Kapsel, die sich in den 70er-Jahren mit einen amerikanischen Raumschiff „verkuppeln“ ließ, die Originalfähre, mit der Armb auf dem Mond landete, aber auch die deutschen Messerschmitt-Bomber aus dem 2. Weltkrieg. Eine fantastische Erlebniswelt für Kinder und Erwachsene – manche sagen, das beliebteste Museum der Welt.

Washington: Georgetown
Mit seinen putzigen Stadthäusern im altbritischen Stil ist Georgetown das hübscheste Viertel Washingtons. Eine ideale Gegend für einen beschaulichen Stadtspaziergang – wohltuender Stil, kein hektisches Stadtgetriebe, kein McDonalds-Ambiente. Auf der Wisconsin Avenue laden Antiquitätenläden, feine Galerien, Trödler und Modeboutiquen zu einem Schaufensterbummel ein. Hier und da gibt es sogar noch ein paar holprige Sträßchen, die sich nicht völlig dem Diktat der glatten Autowelt unterworfen haben (O Street). Da fehlt eigentlich nur noch eine altmodische Bimmelbahn, die vorbei zuckelt; doch von ihr sind leider nur noch die Schienen übrig geblieben. Ist es vorstellbar, dass sich in so einer Stadtidylle der Teufel einnistet? Immerhin wurde „Der Exorzist“ in Georgetown gedreht. Doch die Gefahr könnte gebannt sein. Denn am Ende des Gruselklassikers stürzt der Leibhaftige aus dem Eckhaus 37th Prospect Street über eine steile Treppe in die Tiefe und...?

Es war einmal, da war das Fahren mit der Eisenbahn etwas ganz Besonderes, ein Fortbewegungsmittel mit Stil. Vielleicht wird dies eines Tages mal wieder so sein. Für die Union Station in Washington wäre das überhaupt kein Problem. Noch nirgendwo habe ich einen so prächtigen und monumentalen Bahnhof gesehen. Da würde so manch eine kolossale Sandsteinkathedrale vor Neid erblassen, um etwas von dem Marmor abzubekommen, der hier verbaut wurde.

Die Ostería Otello auf der 1329 Connecticat Avenue ist die leicht amerikanisierte Version des „kleinen Italieners“ mit seinen rot weiß karierten Tischdecken. Auf der Speisekarte Fisch- und Fleischgerichte mit Italo-Touch und natürlich die Nudelklassiker. Frankreich, Frankreich, à la Americaine, das ist das nette Bistro du Coin auf der 1738 Connecticat Avenue. Das Essen, die Weine, die Bistro-Einrichtung, alles ist sehr, sehr französisch – das geschäftig, laute Ambiente und der (fast schon zu) schnelle Service eher von der anderen Seite des großen Teiches. Das sind nur zwei von ganz vielen Restaurants, Cafés und Kneipen, die die Gegend um den Dupont Circle zur Top-Adresse zum Ausgehen machen.

Washington: Tabbard Inn
Möchten Sie Vorurteile gegen Amerika mit seinen genormten und klimatisierten Hotelklötzen abbauen? Dann mieten sie sich im Tabard Inn, 1739 N Street ein. Das Traditionshotel ist seit 85 Jahren ununterbrochen in Betrieb und voll gestopft mit Antiquitäten, Kunst, Kaminen, ein bisschen Kitsch und viel Gemütlichkeit. (Doppelzimmer ab 130 US$, mit Bad ab 175 US$).

Shopping gehört für viele Amerikaner/innen zum Lebensgefühl, und so gibt es an Geschäften und Einkaufszentren so ziemlich alles, was das Konsumentenherz begehrt. Vor allem Kleidung ist hier deutlich günstiger als bei uns. Unschlagbar ist Filene’s Basement (1133 Connecticut Avenue), eine Art Klamottensupermarkt mit Nobelmarken zu Preisen, von denen man bei C&A nur träumen kann. Und so sieht man in Washington auch viel mehr toll angezogene Leuten als bei uns.

Der Krimi Mord am Potomac von Margret Truman (sie ist übrigens die Tochter des ehemaligen US-Präsidenten) streift eine ganze Reihe von interessanten Orten Washingtons und etliche Episoden Stadtgeschichte. Eine ideale Urlaubslektüre, zumal sich erst ein paar Seiten vor Schluss herausstellt, wer aus der feinen Gesellschaft denn nun der Mörder ist.

Ein probates Mittel gegen Heimweh ist ein Besuch im Café Berlin (322 Massachusets Avenue) im Ortsteil Capitol Hill. Es gibt deutsche Gemütlichkeit mit Kaffee und Kuchen, mit Schnitzeln, Braten und Kartoffeln und was sonst noch so unser Herz erfreut. An den Wänden ist die deutsche Hauptstadt auf alten Fotografien und originellen Kollagen eines nicht unbegabten Künstlers verewigt.

Hinter dem Hügel, auf dem das Kapitol steht, beginnt der Ortsteil Capitol Hill – so weit so normal. Doch was ich nicht erwartet hätte: gleich hinter dem prächtigen Bauwerk, das im Fadenkreuz des mächtigsten Landes der Welt errichtet wurde, breitet sich die Langweiligkeit einer etwas in die Jahre gekommenen, x-beliebigen Kleinstadt aus. Ein Bummel durch die ruhigen Straßen mit ihren hübschen Townhouses erinnert an die Überseeversion des Schwabenlandes – ein Spaziergang in das andere, gar nicht so weltläufige Amerika.

Un der 2020 O-Street steht die O-Mansion, ein total verrücktes Museum. Man stolpert durch ein bizarres Sammelsurium aus feinen Antiquitäten und himmelschreiendem Kitsch. Ob Weihnachtsmänner aus Plastik oder Badewannen aus Tropenholz, Kristallleuchter oder Heerscharen von Stofftieren, Musikboxen oder Geistpuppen, edle Konzertflügel oder gigantische Flachbildschirme, Engelsskulpturen oder John Lennon-Poster – in die O-Mansion hat man alles gestopft, was alt, schön oder bunt ist. Und wie es sich für ein richtiges Geisterhaus gehört, sind die kaum zu zählenden Zimmer durch verschachtelte Gänge und steile Treppen miteinander verbunden. Hinter Spiegeln und Schränken sind diverse Geheimtüren (angeblich 32 an der Zahl) so geschickt verborgen, dass man sie tatsächlich kaum findet. Doch nicht nur Geister können hier schlafen – die O-Mansion ist auch ein Hotel (Doppelzimmer ab 350 US$).

In den empfehlenswerten Lokalen ist zumeist so viel Andrang, dass die Gäste – wie einst in der DDR – platziert werden. Dafür ist der Service dann meistens schneller als man genießen kann.

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