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© Daniel Kempken
Letzte Änderung: Juli 2010
Schlaglicht Santiago de Chile

Chile, das lange und schmale Land an der Pazifikküste ist zu wohl verdientem Wohlstand gekommen. Im Jahre 2009 wurde es in die OECD, den „Club“ der reichen Industrieländer aufgenommen.

Santiago de Chile: Blick auf die Stadt
Santiago, die Hauptstadt ist gepflegt und modernisiert. Dafür zahlt die 7 Millionen Metropole den Tribut einer gewissen Gesichtslosigkeit. Doch gerade in diesem amorphen Großstadtgefüge gibt es tausendundein faszinierende Dinge zu entdecken. Da spiegelt sich die koloniale Kathedrale in gläsernen Wolkenkratzern; dort gesellt sich der klassizistische Regierungspalast La Moneda zu Bürohäusern in astreinem Artdéco; und die Basilica de los Sacramentos überrascht mit orientalisch anmutenden Kuppeln. Altes und Neues ist bunt durcheinander gewürfelt.

Die zentrale Plaza de Armas und der auf sie zuführende Paseo Ahumada laden zum stundenlangen Flanieren und Verweilen ein.

Santiago de Chile: Aufzug Cerro San Cristobal
Lassen Sie das schillernde Treiben der Gaukler, Trommler und Pantomimen auf sich wirken. Ältere Herren in abgetragenen Anzügen spielen Dixieland, Trödler verkaufen Dinge aus vergangenen Zeiten, und ein Chansonier singt mit Herz und Schmerz. Wer sich etwas Zeit lässt, der entdeckt auf der einen Seite der Plaza de Armas das Monumento de los Pueblos Indígenas: Ein an einem ramponierten Felsen hängender Indianerkopf symbolisiert die Zerrissenheit der indigenen Bevölkerung in ihrem (verlorenen?) Kampf gegen die Moderne. Und nebenan im Pavillon wird auf der Plaza de Armas Schach gespielt als sei nichts gewesen. Für Freunde der Architektur gibt es noch das wahrhaft prunkvolle, alte Postamt zu entdecken und schräg gegenüber das Edificio Edwards; die Bauteile der originellen Eisenkonstruktion wurden Ende des 19. Jahrhunderts aus Frankreich importiert.

Die Jungfrauenstatue auf dem Cerro San Cristóbal ist hart weiß wie die unbefleckte Empfängnis und hat einen fantastischen Blick über die ganze Stadt, bei gutem Wetter sogar auf die majestätischen Siebentausender der Andenkette. Diese Aussicht können auch Sie genießen, und zwar durchaus bequem und mit Stil. Ein 85 Jahre alter, schräg in den Berghang installierter Aufzug aus Eisen und Holz erspart den schweißtreibenden Aufstieg. Papst Johannes Paul II. ist übrigens auch einmal mit diesem originellen Verkehrsmittel gefahren - und hat es sicher dabei gesegnet.

Wer einmal in der Gegend ist, dem sei das bei der Talstation des historischen Aufzugs gelegene Bohemeviertel Bellavista empfohlen. Bellavista ist bunt und urig, sympathisch und gastronomisch, ist etwas für Studenten und Künstler, für Genießer und für Dichter. So steht in Bellavista das von außen unscheinbare Haus des Nationalschriftstellers Pablo Neruda (Calle Fernando Márquez de la Plata 192). Er hat es nach dem Kosenamen seiner Geliebten und späteren Frau Matilde Urrutia „La Chascona“ (Strubbelkopf) genannt und es voll gestopft mit allerlei Kunst, Souvenirs und Tand, oft nutzlosen Dingen, die er sein Leben lang leidenschaftlich sammelte. Heute ist das Ganze ein etwas bizarres Museum.

Fast schon ein Wahrzeichen von Bellavista, auf jeden Fall ein beliebtes Postkartenmotiv: die Casa Roja Lehuedé an der Plaza Camilo Mori. Der Spross einer französischen Einwandererfamilie hat das zum Verlieben schöne Stil-Mischmasch-Schlösschen im Jahr 1923 errichten lassen. Seit kurzem kann man das Haus aus dem Märchen auch betreten; denn es beherbergt jetzt ein Kulturzentrum und ein Kunstgewerbegeschäft.

Unter den unzähligen Lokalen von Bellavista sind mir besonders aufgefallen: Das Sommelier im Stil eines Weinkellers (Dardignac 163), das wie eine trödelige Hafenbar gestaltete Fischrestaurant Azul Prufundo (Constitución 111) und das besonders empfehlenswerte Großraumrestaurant Eladio (Pio Nono 251) mit Piano und Musikbegleitung zum Essen. Im Restaurant Venezia (Pio Nono Ecke Antonio Lopez de Bello) sitzt man sehr lauschig in einem kleinen Gärtchen an der Straße. Die Küche indes ist nicht besonders venezianisch, eher etwas für Schwerstarbeiter - so lag auf meinen Raviolis ein wahrhaft riesiger Brocken Fleisch.

Der Palacio de Bellas Artes im Parque Forestal präsentiert sich in einem von der französischen Belle Epoque geprägten, neobarocken Stil. Das elegante Gebäude ist dem Petit Palais in Paris nachempfunden. Genau wie sein Pendant an der Seine beherbergt der Palast das Museum der schönen Künste.

Santiago de Chile: Paris Londres
Das außergewöhnliche und hübsche Viertel Paris Londres bei der Metrostation Universidad de Chile besteht genau genommen nur aus zwei kleinen Straßen, von den die eine Paris und die andere Londres heißt. Dafür sieht jedes Haus anders aus und repräsentiert die verschiedenen Facetten des großzügigen Baustils zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das Viertel ist mittlerweile schön restauriert, und so ist es aufgestiegen vom Geheimtipp zur respektablen Adresse, genau wie das empfehlenswerte und preisgünstige Hotel Paris (Calle Paris 813), das vor gar nicht so langer Zeit mal ein Stundenhotel war. Wenn das nette Hotel Paris belegt sein sollte: es gibt in den originellen, alten Häusern noch eine Reihe anderer einfacher und akzeptabler Hotels: z.B. das Hotel Plaza Londres oder das Vegas Hotel. Auf der kleinen Calle Londres ist außerdem ein richtig nettes Café, wo man unter einem großen Baum sitzen und vor sich hin träumen kann.

Ganz in der Nähe liegt der kleine Stadthügel Cerro Santa Lucia, ein entspannendes Fleckchen grün in der großen Stadt und dabei hübsch und ansprechend gestaltet. Da wechseln sich barocke Treppchen mit Denkmälern und Wandmalereien, mit Brunnen, Blumenbeeten, Rasenflächen und sogar einer Burgzinne ab. Auch die Aussicht ist von hier nicht schlecht. Und zum Abschluss eines Spaziergangs auf den Cerro Santa Lucia empfehle ich einen Kaffee an der pittoresken Plaza Mulato Gil de Castro. Das geschmackvolle Plätzchen liegt am östlichen Fuß des Hügels genau wie die Calle Lastárria und die Calle Merced. Auf den beiden Straßen reiht sich ein Lokal an das andere. Relativ neu, französisch angehaucht und im gehobenen Segment das Opera (Calle Merced Ecke Calle José Miguel de la Barra), im Pinten-Segment El Diablito (Calle Merced 336) mit großen Mengen von Dekorationströdel, Bildern von Marilyn Monroe und Frank Sinatra und mit viel dunklem Holz.

Bisweilen werden die Chilenen die Deutschen Südamerikas genannt. Tatsächlich hat es eine Menge deutscher Einwanderer gegeben; hier und da ist sogar ein bisschen deutsche Kultur hängen geblieben: Zum Beispiel das Café Colonia auf der Calle Mc Iver 133, wo einen die Kalorienbomben-Sahnetorten schon aus dem Fenster anlachen. Für den Colonia-Effekt sorgt ein Dom-Modell und eine verblichene Fotografie des Prinzenpaars vom Karneval anno dazumal. Ansonsten ist der Laden ein wenig finster für ein deutsches Kaffeehaus, und die Kellnerinnen schmücken ihre deftigen Kuchenfiguren mit züchtigen Schürzenkleidern. Ein paar Häuser weiter auf der Calle Mc Iver 166 gibt es eine Dependance des Café Colonia, die allerdings noch etwas düsterer eingerichtet ist.

Einfach nur sehr, sehr gutes peruanisches Essen, ohne Schnickschnack und in einem fast schon lieblosen Gastraum gibt es im El Ají Seco an der Ecke Alameda und Calle Santa Rosa.

Wem mehr das Schickimicki liegt, dem seien die Mode-Restaurants Liguria ans Herz gelegt. Die Speisekarte ist in-mäßig und extravagant, das Essen meistens gut und manchmal mittelmäßig, aber immer mit den souveränen Gesten des Besonderen. Das Stammhaus auf der Avenida Providencia 1373 hat ein gekonnt uriges Ambiente, und in der Dependance auf der Pedro de Valdivia gehört es zum guten Ton, an kleinen Holztischen auf dem Bürgersteig zu speisen, fast wie im Pariser Sommer. Gleich nebenan ist das Hotel Orly (Hausnummer 27), klein, aber fein, mit viel französischem Geschmack und angeschlossenem Bistro.

Santiago de Chile: Concha y Toro
Eine Straße westlich von der Avenida Brasil geht von der großen Stadtachse Alameda O´Higgins rechts eine kleine Gasse ab, die Concha y Toro heißt und geradewegs in das gleichnamige, originelle Stadtviertelchen führt. Die verspielten Gebäude und die lauschige Plaza Internacional mit ihrem verspielten Brunnen müssen so um das Jahr 1900 entstanden sein. Vom Cafe Restaurant Tales (Concha y Toro 39) haben Sie einen herrlichen Blick auf die Plaza.

Versteckt in einer kleinen Gasse des edlen Viertels La Providencia liegt das Restaurant Flaubert (Calle Orrego Luco). Ausgezeichnete, französisch angehauchte Küche in einer bestechend einfachen und eleganten Atmosphäre. An lauen Sommerabenden sitzt man unter alten Bäumen im Garten hinter der Gaststube.

Ein prächtiger Ort ist das altbackene Hotel Foresta, Calle Victoria Supercaseaux 353. Ritterrüstungen und so mancher Kitsch zwischen den alten Schinken an den Wänden geben dem Traditionshaus das gewisse Etwas. Die Zimmer sind geschmackvoll eingerichtet und kosten weniger als 50 Euro für zwei Personen. Das Hotelrestaurant bietet liegt in der obersten Etagen, doch seine Preise sind wunderbar niedrig, und der fantastische Panoramablick auf den Cerro Santa Lucia geht auch auf Kosten des Hauses. Für Nachtschwärmer wird in der hoteleigenen Bar Rodrigo ein Piano bedient.

Zum Abschluß noch ein echter Klassiker in der bunten Restaurantlandschaft Santiagos: Das Da Carla nahe vom Zentrum in der Mc Iver 577 gibt es seit 1958, und seitdem hat man kaum etwa verändert, schon gar nicht den exzellenten Service und auch die klassisch italienische Küche nicht. An den Wänden hängen Fotografien von Pavarotti und anderen berühmten Menschen, die schon einmal hier waren, und in großen Vitrinen präsentieren sich verstaubte Weinflaschen, von denen so manche noch ein bisschen älter ist als das Lokal. Vor der Tür rauscht der hektische Verkehr Santiagos, ein paar Häuser weiter werben schrille Nightclubs mit anderem Verkehr. Bei Da Carla hingegen erwarten Sie Stil, Qualität und so etwas wie eine wunderbare Uhr, die vor vielen Jahren die Zeit hat stehen bleiben lassen und sich wie ehedem an den weiß gestärkten Tischtüchern erfreut.

Santiago de Chile: Basílica de la Merced

Santiago de Chile: Basílica de la Merced im Rotlicht
Bleiben Wir einen Moment auf der Calle Mc Iver: Die arme Basílica de la Merced fand sich eines schrecklichen Tages plötzlich im Sandwich der Sünde wieder, eingekeilt zwischen zwei Rotlicht-Etablissements, jeweils nur einen halben Häuserblock von dem Gotteshaus entfernt. Doch Konkurrenz belebt anscheinend das Geschäft: die abendlich bunte Beleuchtung des Tempels ist deutlich attraktiver als das kitschige Neon der Nachtbars, und die stolze, 462 Jahre alte Madonna der Basilika hat sich auch verdammt gut gehalten - sie trägt ein schickes Kleidchen und hat so gut wie keine Falten.

Es gibt sie auf dem Paseo Ahumada, es gibt sie auch sonstwo im Zentrum von Santiago, doch es gibt sie in keinem anderen Land und in keiner anderen Stadt: die berühmt berüchtigten „Cafés con Piernas“, Kaffeebuden mit Sexappeal. Zur Freude der Herren der Schöpfung tragen die Serviererinnen fast schon unanständig kurze Miniröckchen. Doch sonst ist alles anständig im Caribe und im Haiti.

Der ehemalige chilenische Präsident Ramón Barros Luco hatte eine gute Idee. Er belegte ein Sandwich mit einem dünnen Steak und geschmolzenem Käse. Und so kam es, dass dieser leckere Imbiss noch heute aller Ortens nach dem früheren Staatsoberhaupt benannt wird: Barros Luco.



Santiago de Chile: Haus in Handyform
Im modernen Chile ist das Menschsein sehr eng mit dem Besitz eines Handys verknüpft. Was liegt da näher als dem drahtlosen Fernsprecher ein Denkmal zu setzen: An der Plaza Italia steht in der Tat ein imposantes Hochhaus, das die unverwechselbare Form eines Handys hat.

An der Ecke La Providencia und Bukarest finden Sie die postmoderne Variante einer Gewerbegasse, in der zu Großvaters Zeiten die Handwerker einer Zunft ihre Läden beieinander hatten: Ein ganzes Einkaufszentrum ausschließlich mit Antiquitätenläden, mindestens 50 an der Zahl; Exklusives en gros im Nobelviertel la Providencia.

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