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© Daniel Kempken
Letzte Änderung: September 2011
Schlaglicht Lanzarote (und La Graciosa)

Highlights:

Lanzarote Melia Salinas
Es war einmal, da sagte man „Lanzarote ist Manrique und Manrique ist Lanzarote“ – so steht es jedenfalls in den Büchern über die Insel. Der begnadete Künstler hat seine Heimat geprägt; er wird verehrt (und vermarktet) wie kein anderer. César Manrique wollte die Symbiose von Mensch, Natur und Kunst. Er war gegen Bettenburgen und schnöde Urlaubsfabriken, die die Landschaft verschandeln. Er schuf in der Natur und mit der Natur Dinge, die noch heute zu den Topp-Sehenswürdigkeiten der Insel zählen: den Kaktus-Garten (Jardín de Cactus) und die Erlebnishöhle Jameos de Agua im Nordosten, das traumhaft schöne „Museumshotel“ Meliá Salinas in Costa Teguise, den Aussichtspunkt Mirador del Río im Norden und das Vulkan-Restaurant in den Feuerbergen; hier ein lustiges Windspiel auf einer Verkehrsinsel und dort eine abstrakte Skulptur irgendwo in der Mitte der Insel. Und wenn der engagierte Visionär nicht bei einem tragischen Autounfall im Jahre 1992 gestorben wäre, dann gäbe es noch mehr dieser tollen Dinge – und weniger Schrecklichkeiten in Beton, die so gar nicht in die einzigartige Mondlandschaft Lanzarotes passen wollen.

Lanzarote: Feuerberge
Timanfaya, die Feuerberge sind das größte Lavafeld der Welt. Das von der Urgewalt des Erdinnern geschaffene, tausendfach zerklüftete, mit Asche verschüttete Gebirge ist so außerirdisch, dass man hier ohne weiteres den „Planet der Affen“ hätte drehen können – hat man aber nicht. Dass die Amerikaner auf Lanzarote ihre Mondfähre ausprobiert haben, ist wahrscheinlich auch nur ein (verbreitetes) Gerücht. Die Feuerberge sind Traubenzucker für die Fantasie. Es lohnt sich, die vom Nationalpark angebotene Busfahrt mitzumachen, sie ist kurzweilig und spannend gemacht. Die Dromedar-Tour indes ist Geschmackssache. Der Ritt dauert nur 20 Minuten; zudem sind die schnaubenden Wüstenschiffe viel, viel langsamer als der Bus. Da kommt man also nicht sehr weit. Dafür bieten die Tiere aus dem Morgenland einen beliebten Abenteuereffekt: sie sind gefedert wie ein schrottreifer Cadillac – und ein sehr beliebtes Fotomotiv. Die mit Wassereimern betriebenen Geysire vor dem Vulkan-Restaurant mag man als Touristenshow abtun – aber faszinierend ist es schon, dass nur ein paar Meter unter der Lava, auf der wir stehen, eine Höllenglut von mehreren Hundert Grad Celsius wütet.

Die aus Feuer geborene Insel ist ein wahres Paradies fürs Auge und für Fotografen/innen – hier sind Farben noch Farben, Kompositionen wie aus dem Malkasten: Tiefschwarze Böden aus Vulkanasche, dazu ganze Ortschaften wie Orzola oder Arrieta, die fast nur aus hartweißen Häuser mit Frühlings-grünen Schlagläden bestehen. Ferrari-rote Blüten, dazwischen Palmen und Kakteen, die so frisch im Sonnenlicht glänzen als ob sie gerade dem azurblauen Meer entstiegen wären. Oder wie wär’s mit einem Hintergrund aus Dünen und Kratern, die mal beige, mal ocker, mal braun und mal violett unter einem Himmel schimmern, der himmelblauer nicht sein kann. Auf Lanzarote kommen Fotografie und naive Malerei sich ganz, ganz nahe, und das völlig ohne Fotoshop-Effekte von Microsoft.

Dn der Bucht von El Golfo, gleich westlich von den Feuerbergen ist das Farbenspiel der Natur so krass, dass es sicher auch den Außerirdischen hier gefallen würde. Hinter dem pechschwarzen Strand haben künstlerisch veranlagte Algen eine giftgrüne Lagune in die eh schon bizarre Mondlandschaft gezaubert.

Tipps:

Man sollte es nicht für möglich halten. Dank einer ausgeklügelten Anbaumethode gedeihen prächtige Weintrauben in der kargen Vulkanerde. Dazu werden – schon seit dem 18. Jahrhundert - die Reben in eigens dafür ausgebuddelte Vertiefungen gesteckt. Jede einzelne Rebe hat ihr kuscheliges Separée und wird mit seinem eigenen Mäuerchen gegen den Wind geschützt. Mit dieser Formel entsteht nicht nur eine bizarre Landschaftskunst in schwarz und grün, aus den Trauben werden richtig gute Weine. Möglich macht das Ganze die nur scheinbar tote Vulkanasche. Sie entzieht der Luft die Feuchtigkeit und gibt den Lebenssaft an die Weinstöcke weiter. Zu bewundern ist die seltsame Anbaukunst in Gería südöstlich vom Nationalpark Timanfaya. Den leckeren Wein gibt’s in Lanzarote in jedem Supermarkt.

Ein Besuch in der Hauptstadt Arrecife lohnt sich für Leute, die noch nie die Gelegenheit hatten, sich eine kleine, spanische Hafenstadt anzusehen. Als Extras gibt es zwei trutzige Mini-Festungen. Ansonsten ist das Ganze eher unspektakulär, allerdings in letzter Zeit ziemlich nett rausgeputzt.

Lanzarote: Irgendwo
Die Ferienhochburg Puerto del Carmen zieht sich kilometerlang durch die Gemarkung. Und dennoch hat der kleine Fischerhafen, um den herum vor mehr als 30 Jahren alles mit ein paar Strandhotels begann, ein bisschen von seinem ursprünglichen Charme erhalten – auch wenn man sich redlich bemüht hat, das urige Ambiente durch Kakteengärtchen, Piratenrestaurants und Touristentreppchen zu verkitschen. Romantisch geblieben ist es in der Casa Roja: mit Stil und Stolz verharrt das rote Haus aus dem 19. Jahrhundert auf der Klippe über dem Hafen und verwöhnt seine Gäste mit gutem Essen und einem einmaligen Blick auf die Fischerbötchen, die sanft auf dem Wasser schaukeln.

Eine Symphonie aus schwarz und weiß, aus Luxus und Kunst, Skulpturen und Heerscharen von tropischen Pflanzen: das von César Manrique gestaltete 5-Sterne-Vorzeige-Hotel Meliá Salinas in Costa Teguise. Das im selben Ort gelegene Hotel Teguise Playa ist eine Art kleiner Bruder vom Meliá Salinas. Nicht ganz so extravagant, nicht ganz so viele tropische Pflanzen, dafür aber auch längst nicht so hohe Preise.

Das nette Restaurante Montmartre auf der Avenida de las Palmeras in Costa Teguise hat - wie das Moulin Rouge – eine Windmühle auf dem Dach und einen guten Koch..

Die weitläufige Cueva de los Verdes im Nordosten der Insel ist ganz schön groß, ein bildhübscher, effektvoll illuminierter Wandelgang ins Innere der Erde. Leider kann die Höhle nur zusammen mit einer Reiseleiterin und einer Horde von Touristen besichtigt werden. Der Zaubertrick mit dem verschwundenen See ist Spitze.

Ganz in der Nähe schuf César Manrique sein beeindruckendstes Gesamtkunstwerk aus Natur, Vision und Ästhetik: Jameos del Agua. Er verwandelte zwei eingestürzte Krater, die den Leuten zuvor als Müllkippe gedient hatten, in eine kleine Märchenwelt. Da tummeln sich Albinokrebse in einem geheimnisvollen, unterirdischen Salzsee; in einem Ring tiefschwarzer Lavawände ruht ein weißer Pool, gleißend wie arktischer Gletscher, und dennoch leuchtet sein Wasser in tiefblauem Türkis – ein Fest fürs Auge und viel zu schön, als dass man darin schwimmen dürfte.

Lanzarote: Teguise
Die ehemalige Inselhauptstadt Teguise mit ihrem spröden Charme und ihren rauen Winden haben die Deutschen für sich entdeckt. Viele von uns haben sich hier niedergelassen und verschönern den vollständig unter Denkmalschutz stehenden, altspanischen Ortskern mit Kunstgewerbelädchen, Galerien, Ökoshops und Restaurants – das Attraktivste unter ihnen ist sicher das „Patio del Vino“, stilvoll in einem ehemaligen Herrensitz auf der Calle Herreras y Rojas. Am Sonntag geht’s dann eher volkstümlich zu; es ist Floh- und sonstiger Markt.

Das schmucke Städtchen Haría liegt mit seinen (ungefähr) tausend Palmen und seinen weiß getünchten Häuschen wie eine Oase im Tal. Es hat Flair und strahlt eine ganz besondere Ruhe aus. Kein Wunder, dass César Manrique hier seinen Alterssitz genommen hat. In Haría ist er auch zur ewigen Ruh gebettet. Sein Grab mit einer Palme und einem großen Kaktus ist außergewöhnlich, geschmackvoll und doch bescheiden – ganz im Sinne des Künstlers, der auf dem Friedhof irgendwie fortlebt.

La Caleta de Famara im Nordwesten der Insel ist wie eine Reise in die Vergangenheit, als die Hippies sich aufmachten und einsame Strände in warmen Gefilden entdeckten. Das urige Fischerdorf könnte auch irgendwo im Bilderbuch-Südamerika stehen; zwischen vom Meereswind gegerbten Häusern laden breite Sandpisten Hunde, Katzen und die übrig gebliebenen Hippies zum Streunen ein. Autos und kleine Boote stehen kreuz und quer in der Gegend herum. Ansonsten noch ein paar Pinten, ein paar Gästehäuser, Windsurfer und ein paar Künstler/innen, die sich hier gerne inspirieren lassen. Im Restaurant El Risco sitzt man auf einer schwarzen Klippe, an der sich die Wellen der rauen See brechen und hat einen wunderbaren Blick auf die Playa de Famara, einen der schönsten Sandstrände der Insel.

Geheimtipps:

Lanzarote: Pueblo Marinero
Das von Manrique geschaffene Pueblo Marinero in Costa Teguise ist einem alten Fischerdorf nachempfunden. Es sollte Beispiel geben für eine geschmackvolle Ferienanlage mit netten Geschäften, Restaurants, Cafés und Apartments. Heute ist der hübsche Komplex reichlich verkitscht und geht in der Betonwüste, die das „Fischerdorf“ umzingelt hat, ziemlich unter. Beim Bau der gleich daneben liegenden Apartamentos Celeste hatte man indes die visionäre Stimme des Meisters noch im Ohr. Hinter den grünen Toren der Anlage verbirgt sich eine anmutige, gepflegte Oase des guten Geschmacks. Romantisch verschachtelte, weiß getünchte Häuschen und Terrassen gruppieren sich lauschig um kleine Pools und Schatten spendende Palmen (Apartments zwischen 25 und 60 Euro pro Tag).

Zum Nachlesen oder Nachmachen: In der Literatur macht man Liebe an den wildromantischen Papageienstränden in der Nähe von Playa Blanco. Siehe die ansonsten ziemliche traurige Reiseerzählung „Lanzarote“ des französischen Skandalautors Michel Houellebecq und die pfiffige Urlaubskomödie Last Minute Lanzarote von Sibylle Keller.

Kuriositäten:

Lanzarote: Schiffswrack
Ein viereckiges Hochhaus überragt Lanzarotes Hauptstadt Arrecife. Es ist das Grand Hotel, erbaut irgendwann in den 70er Jahren zu einem Zeitpunkt, als Manrique nicht auf der Insel weilte. Als der Meister zurückkam und den schrecklichen Klotz erblickte, muss er vor Wut geschäumt haben; doch die Fakten waren geschaffen. In jüngerer Zeit stand das Grand Hotel, was gar nicht wie ein solches aussieht, über viele Jahre leer und drohte zu verfallen. Nun ist der grobe Klotz restauriert, mit seiner tollen Aussicht in den oberen Etagen wieder zu einem komfortablen Hotel geworden und – mangels anderer – sogar zum Wahrzeichen Arrecifes arriviert.

Zwischen dem am östlichen Rand von Arrecife gelegenen Hochseehafen und der Meerwasserentsalzungsanlage dümpelt ein auf Grund gelaufener, vom Rost zerfressener Frachter in der nicht eigentlich sehr fotogenen Bucht. Doch so ein Schiffswrack, das ist dann schon ein originelles Motiv.

Lanzarote: Museo Mara Mao
Arrieta, ein gedrungenes Fischerdorf an der Nordostküste: Auf den Klippen vor der Hafenmole steht ein klotziges Haus mit langen Kaminen. Die Einheimischen nennen es „Casa Azul“, das blaue Haus. Auf der einen Seite ist das seltsame Gebäude fast völlig zugemauert, nur schmale Schlitze lassen etwas Licht ins Innere. Tiefes Blau und erdiges Rot lassen es wie aus einer anderen Welt erscheinen, aus einer Welt jenseits der Vulkaninsel; denn hier sind fast alle Häuser weiß. Und so ranken sich mysteriöse Geschichten und Gerüchte um das „Geisterhaus“. Hier die Version, die die alten Lanzaroteños gern erzählen. Vor langer Zeit hatte ein reicher Insulaner seiner Tochter, die nach Afrika ausgewandert war, dieses Haus errichtet. Es sollte sie zurück in die Heimat locken und zugleich an Afrika erinnern. Das Töchterchen kam tatsächlich zu ihrem Vater; doch schon bald verstarb das arme Ding. Zu dieser traurigen Story passt, dass in den 90er Jahren in der „Casa Azul“ ein Afrika-Museum mit wunderlichen Exponaten eröffnete – und schon bald wieder geschlossen hat.

Am Ortsausgang von Teguise bewacht ein zahnloser Künstler sein Kuriositätenkabinett: Mit dem „Museo Mara Mao“ hat der seltsame Mann eine Art Kinder-Sodom und Gomorra geschaffen, in dem Dutzende von hässlichen, OP-grünen Gestalten einen gruseligen Friedhof für Stofftiere, Puppen und Spielzeugautos bewachen.

Zugabe: La Graciosa, die Anmutige:

Lanzarote: La Graciosa
Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt zu dem Lanzarote vorgelagerten Inselchen La Graciosa, die ist schön – oder aber zum Kotzen; das hängt ganz von der Stimmung Ihres Magens ab. Denn hoch schlägt die Gischt und donnert gegen den Rumpf des schweren Fährboots, das sich wacker durch die martialische Brandung vor dem kleinen Fischerort Orzola auf Lanzarote kämpft. Die Klospülungen sind zur Sicherheit auf Dauerbetrieb gestellt. Backbord das grandiose Riff von Famara. Dann wird die See plötzlich ruhiger, und nach zwanzig Minuten ist der Spuk dann ganz vorbei. Vor ihnen liegt sie, etwas verloren im seidigen Meer: La Graciosa, die Anmutige, wenn man ihren Namen ins Deutsche übersetzt. Dabei hat das Eiland eher den rauen Charme einer etwas spröden Seemannsbraut. Und erreichen kann man La Graciosa tatsächlich nur auf diesem Boot.

Im Hafenstädtchen Caleta del Sebo hat man im Zeichen der Gemeindeverschönerung ein paar Palmen aufgestellt. Ansonsten gibt es auf der ganzen Insel so gut wie keine Bäume. Man hat aber auch weitgehend auf Asphalt verzichtet. So blieb dem Ort sein ursprünglicher Charme, der mit einer himmlischen Ruhe einhergeht. In La Graciosa gehen die Uhren tatsächlich noch ein paar Takte langsamer. Es gibt Pensionen, kleine Restaurants und eine ziemlich kuriose Kapelle: Jesus ist in einem Fischerboot gekreuzigt, über dem Kruzifix schwebt ein Fangnetz, und aus Holz geschnitzte Fische helfen als Kerzenständer aus. Es wundert also überhaupt nicht, dass diese Kapelle der Meeresjungfrau gewidmet ist (Parroquía Nuestra Señora del Mar).

Lanzarote: Wilde Küste
Lanzarotes wilde Küste
Freunde alter Geländewagen müssen in Caleta del Sebo ganz, ganz große Augen kriegen. Das Örtchen ist ein wahres Museum von Landrovern der ersten und zweiten Generation, motorisierte Dinosaurier, die selbst in Afrika praktisch schon ausgestorben sind. Überall stehen und knattern sie bei bester Gesundheit herum.

UUm das Inselchen zu erkunden, braucht man aber eigentlich gar kein Auto. Eine herrliche Wanderung führt am Hang des erloschenen Vulkans entlang, das Meer immer zur Rechten. Nach etwa anderthalb Stunden sind Sie in dem ehemaligen Fischernest San Pedro Barba, wo heutzutage gedrungene Ferienhäuschen mit Palmen und Kakteen wie eine kleine Oase den Wüstensand schmücken. Für den Rückweg empfehle ich, zur Abwechslung über einen schmaleren, aber gut passierbaren Weg direkt an der Küste entlang zu gehen und sich von hübschen Felsbuchten überraschen zu lassen.

Wer einfach nur mal einen Blick auf La Graciosa werfen möchte, fahre zu dem spektakulären Aussichtspunkt Mirador del Río im Norden von Lanzarote, ein weiteres, unverwechselbares Werk von César Manrique.

Mehr in meinem neuen Buch Schlaglichter Kanarische Inseln.

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